Wissenswertes gemischt

Das Jakobskreuzkraut (Senecio jacobaea)

Blüten vom Jakobskreuzkraut

Seit längerem steht der Kreuzblütler in der Kritik. Das Jakobskreuzkraut, oder Jakobs-Greiskraut (Senecio jacobaea) sei aufgrund seiner Mengen an Alkaloiden, als hochgiftige Pflanze grundsätzlich aus dem Landschaftsbild zu entfernen. Bei dauerhafter Aufnahme ist die potentielle Gefahr von Leberschäden bei Rind und Pferd nicht von der Hand zu weisen. Daher ist die zweijährige Pflanze bei Landwirten und Pferdehaltern nicht gern gesehen. Da die Pflanze, wie alle Korbblütler, auch von Honigbienen angeflogen wird, können die giftigen Inhaltsstoffe über den Honig letztlich auch in den menschlichen Organismus gelangen. Das deutsche Sommerhonige eine sehr geringe Belastung mit Alkaloiden durch das Jakobskreuzkraut aufweisen, hindert so manche besorgte Imker nicht daran aktiv zum Kampf gegen die krautige Pflanze aufzurufen.

Dementgegen steht die ökologische Bedeutung der von Anfang Juni bis August blühenden Pflanze. Das Greiskraut ist Raupen-Futter- und Nektarpflanze für viele Schmetterlinge. Des Weiteren ist es keine beliebte Futterpflanze für Honigbienen. Diese besuchen das Jakobskreuzkraut nur, wenn es keine alternativen Nahrungsangebote gibt. Dies wiederum verweist auf das Problem der ausgeräumten Agrarlandschaften mit stark dezimiertem Nahrungsangebot.

Um die Positionen der Für- und Gegensprecher zu beleuchten, sollen deren Argumente im Folgenden Beachtung finden.    

Contra Jakobskreuzkraut

Auf in den Kampf gegen das Jakobskreuzkraut!

Illustration Jakobskreuzkraut von 1885

Wer in diesen Tagen mit offenen Augen unterwegs ist, kann es nicht übersehen – hübsch anzuschauen blüht es in leuchtendem Gelb am Wegesrand, aber auch auf vielen Weiden und Gärten ist es immer häufiger zu sehen: das giftige Jakobskreuzkraut.

Diese heimische, extrem anspruchslose Wildpflanze, die auch mit unseren trockenen und sandigen Böden sehr gut zurechtkommt, breitet sich seit ein paar Jahren nicht nur bei uns in Niedersachsen mit rasender Geschwindigkeit aus und das wird zunehmend zum Problem, auch für uns Imker.  Denn das Jakobskreuzkraut enthält leberschädigende Substanzen, die bei Schafen, Rindern oder Pferden zu schweren Schäden bis hin zum Tod führen können. Auch für den Menschen kann die Wildpflanze gefährlich werden, wenn sie etwa über Kräutertees, Getreide, Salate oder aber durch Honig aufgenommen wird.

Besonders attraktiv für Bienen ist das Jakobskreuzkraut eigentlich nicht, da die Pflanze wenig Nektar abgibt – jedoch in Zeiten abnehmendem Blütenangebotes kann das in einigen Bereichen mittlerweile massiv auftretende Jakobskreuzkraut für hungrige Bienen durchaus interessant werden – praktisch aus der Not heraus – und somit können Nektar und Pollen dieser Pflanze sich im Sommerhonig wiederfinden.

Noch müssen wir uns keine Sorgen machen – der Honig unserer Region ist sicher nicht belastet, aber es gilt der Verbreitung des Jakobskreuzkrautes Herr zu werden, damit es nicht zu großen zusammenhängenden Blühbeständen kommen kann. Werden diese nicht rechtzeitig gemäht, kann es uns schon so gehen, wie einigen Imkern in Schleswig-Holstein, die ihren ganzen Honig in die Biogas-Anlage geben durften, weil die PA-Belastung exorbitant hoch war.

Jeder ist gefordert andere über die Pflanze zu informieren und auf dem Spaziergang oder vielleicht auch auf einer gezielten Exkursion mit Handschuhen (besser ist das!) die Pflanzen mit den Blattrosetten auszustechen.  Die Pflanzen dürfen nicht auf den Kompost. Am sichersten ist die Entsorgung über den Hausmüll, wenn möglich. Also: auf in den Kampf!!! 

Pro Jakobskreuzkraut

Wertvolle Pflanzenart mit hoher ökologische Bedeutung!

Frühlings-Greiskraut (Senecio vernalis): Opfer des "Pflege"-Aktionismus

Bürgerinnen und Bürger werden offensichtlich durch die Berichterstattung in den Medien zu Aktionen animiert, bei denen wahrscheinlich wie in Haffkrug an der Ostsee nicht das Jakobskreuzkraut, sondern andere, ähnliche Pflanzenarten in einem gesetzlich geschützten Biotop säckeweise ausgerissen wurden ('Haffkrug – Kreuzkraut-Pflücken in den Urlaubsorten' - LN v. 15. Juni 2015). Senecio vernalis als nach den veröffentlichten Photos wahrscheinliches Opfer der dortigen Aktion ist eine wichtige Pflanze für Blüten besuchende Insekten. In den Nordseedünen wird die Pflanze von dem hochgradig gefährdeten Käfer Psilothrix cyaneus (viridicoeruleus) angeflogen.

Dieses Beispiel zeigt, dass schwer wiegende ökologische Schäden in der Natur heraufbeschworen werden, wenn zur Treibjagd auf das Jakobskreuzkraut aufgerufen und ohne Sachverstand in die Natur eingegriffen wird.

Beim Jakobskreuzkraut handelt es sich nämlich um eine Pflanze mit ökologischer Bedeutung. In Schleswig-Holstein sind u.a. vier Flohkäferarten der Gattung Longitarsus am Jacobskreuzkraut nachgewiesen. L. jacobaeae ist allerorten anzutreffen, L. suturellus nur an besonderen Stellen wie lehmigen Hängen.

Gift im Honig?

Honigbienen-Arbeiterinnen

Bis ein paar Imker Alarm schlugen, ihr Honig würde durch den Nektar vergiftet. Diese Meldung elektrisierte Medien und Politik - schließlich ging es um ein als Inbegriff von Gesundheit und Naturreinheit geltendes Nahrungsmittel. Bei einer aktuellen Analyse von 126 Honigproben aus verschiedenen Gebieten Schleswig-Holsteins lagen allerdings nur sieben Proben, d.h. 6 %, über dem vom Bundesinstitut für Risikobewertung empfohlenen PA-Grenzwert von 140 Mikrogramm pro kg Honig. Einen behördlich festgesetzten und damit rechtsverbindlichen Grenzwert für PA gibt es jedoch bislang weder auf nationaler noch internationaler Ebene. 53 % der Proben befanden sich meist deutlich unter dem Empfehlungswert, bei weiteren 41 % war ein PA-Nachweis technisch sogar nicht möglich. Selbst bei einer weiteren Untersuchungsreihe, gezielt mit Honig aus Gegenden mit besonders reichen Jakobskreuzkraut-Beständen, lagen die Ergebnisse zu 85 % unterhalb des Empfehlungswertes. Beide Reihen griffen ausschließlich auf Honig der Sommertracht zu, um die Blütezeit des Jakobskreuzkraut mit einzubeziehen. Eine deutlich stärkere PA-Belastung kann sich nach Mitteilung des Bundeslandwirtschaftsministeriums allerdings durch die Beimischung von Rohhonig aus Amerika oder Asien ergeben, mit dem der im Discounter erhältliche Honig aufbereitet wird. Einen Anlass zur Bekämpfung des Jakobskreuzkrauts sieht das Ministerium übrigens bis heute nicht.

Viele Imker haben inzwischen verstanden, dass sie sich ihren Honigmarkt mit der Diskussion um die angebliche PA-Belastung selbst ruinieren. Zumal die Verbraucher über kurz oder lang berechtigterweise die Frage nach anderen gesundheitsgefährdenden Verbindungen im Honig, wie die aus der Landwirtschaft stammenden Pestizide, stellen könnten. So versuchen auch Funktionäre des Imkerverbandes, die Debatte schon aus eigenem Interesse heraus wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Großes Ochsenauge (Maniola jurtina) schätzt das Jakobskreuzkraut als Nektarpflanze

In der Tat wirkt die Aufregung um PA-Gehalte im Honig künstlich aufgebauscht: Jakobskreuzkraut ist bei Bienen nicht sonderlich beliebt. Es wird zwar gerne von Weichkäfern, Fliegen, Schwebfliegen und Faltern diverser Arten angeflogen, von Bienen aber hauptsächlich dann besucht, wenn dazu keine Alternativen bestehen.

Blick hinter die Kulisse

Vom Medien-Hype um den Honig inspiriert, sind der Bauernverband und seine politische Lobby auf den Zug aufgesprungen. Öffentlichkeitswirksam fordern sie Maßnahmen zur Bekämpfung bis hin zur Ausrottung der gelben Pflanze. Dabei sind die wenigsten Landwirte selbst betroffen: Mit den in der konventionellen Landwirtschaft üblichen Mitteln der Grünlandbewirtschaftung hat das Jakobskreuzkraut auf herkömmlich genutzten Dauerweiden und Mähwiesen keine Chance. Den Bauernverband ficht das aber nicht an. Er weiß, dass er mit seiner Kampagne den Naturschutz, hier insbesondere die Stiftung Naturschutz, vermeintlich in die Ecke drängen kann: In vielen halboffenen Weidelandschaften gedeiht das Jakobskreuzkraut prächtig, insbesondere dann, wenn sich das Weideland aus aufgelassenen Äckern entwickelt hat und damit zeitweilig eine schüttere Vegetationsdecke aufweist.

In Naturschutzkreisen bestreitet das niemand - wozu auch? Schließlich ist das Jakobskreuzkraut in unserer an Blüten immer ärmer werdenden Landschaft ein wertvoller Beitrag zur Biodiversität.

Profiteur

Raupe des Blutbär, Jakobskrautbär (Tyria jacobaeae) ist spezialisiert auf giftige Pflanzen

Der Blutbär, auch Jakobskrautbär genannt (Tyria jacobaeae), als Fressfeind kommt unbeschadet davon. Er profitiert sogar von der Giftigkeit seiner Futterpflanze, indem er die PA in hoher Konzentration speichert und damit für Vögel einen höchst ungenießbaren Happen bildet. Doch wer gar nicht erst gefressen werden will, warnt seine Feinde: Die Raupe ist schwarz-gelborange geringelt, der Falter signalisiert seine Toxizität mit kontrastreicher schwarz-roter Färbung.

 

Bekämpfung weitgehend sinnlos

Das zweijährige Jakobskreuzkraut kann bis zu 100cm aufwachsen

Wie alle Experten wissen, sind solche Maßnahmen sinnlos: Wird die Pflanze vor ihrer Blüte gemäht, wird ihr späteres Absterben unterbunden. Entweder schiebt sie im selben Jahr einen neuen, kleineren Blütenstand nach, oder sie überdauert ein weiteres, drittes Jahr, um dann zur Blüte zu gelangen. Durch alljährliche Mahd kann das eigentlich zweijährige Jakobskreuzkraut also zur ausdauernden Staude werden, wenn der übliche Absterbeprozess nach der Samenbildung unterbrochen wird. Die deshalb gegebene Empfehlung, erst gegen Ende der Blütezeit zu mähen, hilft so auch nicht weiter. Abgemähte Blütenköpfe entwickeln ihre Samen über eine Notreife.

Dementsprechend sind auch die an das Straßenbauamt sowie die Landesforsten ergangenen Aufforderungen, Jakobskreuzkraut an Straßenrändern bzw. auf Aufforstungsflächen zu mähen, unsinnig. Und wer für derartige Bereiche oder sogar für Naturschutzflächen einen flächenhaften Einsatz von Herbiziden erwägt, sollte außer den fatalen Auswirkungen auf die Flora und Fauna bedenken, dass die Keimfähigkeit der Samen vermutlich trotzdem über viele Jahre erhalten bleibt.

Fazit

Der Wolf (Canis lupus) im Nationalpark Bayerischer Wald, ist ein anderes Beispiel für die Polarisierung von potentiellen Gefahren

Die Debatte um das Jakobskreuzkraut wird von irrealen Ängsten bis hin zu hysterischen Bezichtigungen, angeheizt durch fachlich nicht haltbare Behauptungen aus Lobbyistenkreisen, und plakativem Aktionismus bestimmt. Die Erkenntnis, dass eine effiziente Bekämpfung des Jakobskreuzkrautes auf dessen bevorzugten Wuchsorten mit vertretbaren Mitteln weder möglich noch notwendig ist, hat sich zwar in Fachkreisen durchgesetzt, wird aber weiterhin ausgeblendet.

Ähnlich wie bei der Debatte um die angeblichen Gefahren, die Schleswig-Holsteinern von einwandernden Wölfen drohen sollen, ist auch bei der Auseinandersetzung um das Jakobskreuzkraut die Bodenhaftung verloren gegangen.

Originalveröffentlichung zur Diskussion um das Jakobskreuzkraut